Das war also der Auftakt meiner glorreichen Mission im Auftrag der Gerüchteküche! Da würde ich lieber Teller waschen. Denn so wurde ich auf Schritt und Tritt verfolgt, nicht einmal zur Toilette konnte ich während der Pause noch allein gehen. Ich könnte ja Tatsumi treffen und ihn gleich bespringen und das wollte keines dieser Waschweiber verpassen. Aber stellten die sich das wirklich so einfach vor? Ich renne zu ihm hin, drücke meine Lippen auf seine und dann weiß ich, ob er küssen kann oder nicht? Anscheinend hatten sie davon genauso wenig Ahnung wie davon, wie man schnell lange die Klappe hält und dabei still sitzt.
Langsam kam ich mir echt vor wie ein Promi, der von ca. 3.000 Paparazzi verfolgt wird. Da blieb mir wohl bloß noch eins übrig: Flucht.
Und damit diese auch gelang, hatte ich mir den perfekten Plan zurechtgelegt. In der Mathestunde vor der großen Pause band ich mir meinen Fressbeutel an den Gürtel und als das Klingeln begann, rannte ich los. Dieser Plan war genial, gemein und somit auch schlichtweg perfekt. Zumindest wäre das der Fall gewesen, wenn ich beim Rennen etwas besser auf meine Umgebung geachtet hätte. Denn so rannte ich nicht nur in jemanden, sondern fiel mit diesem Jemand voller Intelligenz und Grazie in die Besenkammer im dritten Stock, kurz bevor ich die kleine Treppe zum Dach erreicht hatte. Ich hatte noch nicht mal genug Zeit, mich bei meinem Opfer zu entschuldigen, denn schon kamen die Boten der Hölle den Gang entlanggeschossen (Sehen konnte ich sie zwar nicht, weil die Tür zugefallen war, aber überhören konnte man diese Traube unmöglich.)
Und voller Panik verging ich mich schon wieder an dem unbekannten Opfer, indem ich ihm den Mund zuhielt. Schließlich sollten sie uns nicht entdecken. Als sie endlich aufgegeben hatten nach mir zu suchen (Ich bin einfach zu schlau für diese Waschweiber!), gab ich auch den Mund dieses armen Jungen frei, der zuerst kräftig Luft holte und dann erleichtert ausatmete.
“Ähm...”, gab mein Mund voller Weisheit von sich (was sollen eigentlich immer diese herablassenden Formulierungen, Schreiberling?!)
“Tut mir wirklich Leid, was...” Doch mein Gegenüber fiel mir ins Wort. “Hast du dich verletzt? Ist alles okay mit dir?” Verwunderte Stille.Und so langsam konnte ich auch erkennen, wer mich da eigentlich aus so besorgten Rehaugen anstarrte. Genau der, den ich vor einigen Tagen noch verteidigt hatte und der Schuld an dieser ganzen Misere war (eigentlich bin ich ja auch ein bisschen schuld... aber weiter geht’s!) Tatsumi Kaoru, 3. Klasse Oberschule, Sternzeichen Waage, Blutgruppe A+ und angeblicher Looser im Küssen. Ich hatte ihn zwar schon lange nicht mehr gesehen (Sich von jemandem fernzuhalten war für mich schon immer leichter, als jemanden zu finden!), aber irgendwie hatte ich ihn doch größer in Erinnerung. Vielleicht lag es auch daran, dass wir auf dem Boden saßen.
“Hallo? Alles okay?!” Er wedelte wild mit einem Arm vor meinem Gesicht, doch ich war wohl noch zu geschockt, um mich zu bewegen. “Hoffentlich hat er keine Gehirnerschütterung oder sowas... was mach ich nur, was mach ich nur?! Mama schimpft, wenn sie das rauskriegt...” Beim Gedanken an seine Mutter fing er an sich wild die halblangen braunen Haare zu raufen. Was für ein seltsamer Charakter, schoss mir durch den Kopf (Ha! Das ist für dich, Author! >D) Langsam fand ich wieder zu mir. “Alles... alles okay... Tut mir Leid, das eben,”, stammelte ich noch leicht benommen. Ich war ja schließlich derjenige, der Schuld an dieser Situation war, also hatte ich mich zu entschuldigen und nach seinem Befinden zu erkunden. “Hast du dir auch nichts getan?”, fragte ich ihn, nachdem er verlegen seine Frisur wieder gerichtet hatte. “Nein, nein, alles in Ordnung,”, antwortete er mit einem seligen Grinsen. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir immernoch in der Besenkammer waren. So stand ich also auf, half Tatsumi hoch (es war wirklich eng hier!) und öffnete die Tür.
Und da lag “es”.
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