Freitag, 18. September 2009

SLEEPING ROSE 7: The Green Day

Im Raum war wieder alles still geworden. Das Gerät hatte sich beruhigt, nachdem Hiroki den Halt der Elektrode korrigiert hatte, und auch kein Kleiderrascheln war zu hören, denn weder Patient noch Arzt bewegten sich. Der Patient, weil er immer noch tief in seinen Träumen gefangen war; der Arzt, weil dieser sich ebenfalls gerade wie in einem Traum fühlte und er nicht wusste, ob dies nun Realität oder Einbildung war. Die Szene vor seinen Augen entsprach wohl der Realität, doch was war mit dem Blut, dass in rasendem Tempo durch seinen Körper schoss, weil sein Herz vor Aufregung angefangen hatte so schnell zu schlagen, dass man glauben mochte, eine Herde Hengste trabte über eine Wiese?
Vielleicht war es wirklich nur ein Traum, denn Hiroki spürte eine fast magische Anziehungskraft, die von den Lippen des Jungen unter ihm auszugehen schien.

Hiroki schüttelte den Kopf und erhob sich wieder. Das MUSSTE er sich gerade eingebildet haben. Immerhin war der Junge vor ihm ein Patient und lag im Koma, wie konnte er da nur so etwas denken?
Bestimmt lag es daran, dass er so müde war. Der Tag war doch sehr aufregend gewesen. Erst war seine Mutter überraschend nach so vielen Jahren wieder aufgetaucht und dann hatte sich herausgestellt, dass sie diejenige gewesen war, die Souta-kun das angetan hatte. Nun wusste er auch endlich, warum seine Mutter vor so vielen Jahren vom einen auf den anderen Tag plötzlich verschwunden war, ohne ein Wort zu sagen. Als sein Vater ihm an diesem Tag gesagt hatte, dass seine Mutter gegangen sei, hatte Hiroki stundenlang in den Armen seines Vaters geweint und auch Wochen später war er nachts aufgewacht und hatte im ganzen Haus laut rufend nach seiner Mutter gesucht. Doch wenn sie Souta-kun genau an dem Tag attackiert hatte, an dem er zum ersten Mal allein das Haus verlassen hatte, musste sie die ganze Zeit in der Nähe gewesen sein. Oder hatte sie etwa einen Verbündeten im Anwesen? Oder gar jemanden mit der Beschattung des jungen Mannes beauftragt?
All das waren Fragen, die wohl so schnell nicht zu beantworten waren. Zuerst musste er seine Mutter wieder finden und das würde wohl nicht leicht werden.
Doch würde das alles nicht helfen um Souta-kun wieder aufzuwecken. Wie lange er wohl noch dort schlafen würde?
"Souta-kun...", sagte er, als er ihm sachte mit einer Hand über die Wange strich. "Wach doch wieder auf. Niemand kann dir hier etwas tun. Ich passe auf dich auf. Und... auch wenn sie meine Mutter ist, werde ich dich sicher vor ihr beschützen, hörst du? Also komm schon... bitte..."
Unmerklich war bei diesen Worten eine Träne über die Wange des Arztes gerollt. Dieser bemerkte es erst, als der Tropfen das Gesicht unter ihm berührte. Denn wieder hatte er sich dem Jungen genähert. Dem Jungen, den er um jeden Preis beschützen wollte. Der ihm in der kurzen Zeit schon wichtiger geworden war, als die Freiheit seiner eigenen Mutter.
Doch immer noch tat Souta keine Bewegung. Als würde er auf etwas wichtiges warten, wie die Pflanze, die Hiroki ihm geschenkt hatte, auf lebenswichtiges Wasser wartete um blühen zu können. Der junge Arzt warf einen flüchtigen Blick auf die Pflanze, nur um festzustellen, dass das trübe Braun einem saftigen Grün gewichen war und sie nun endlich wieder zum Leben erwacht war.
Ein Lächeln gesellte sich zu der wässrigen Tränenbahn in Hirokis Gesicht, und er legte seinen Blick wieder auf den hilflosen und schlafenden Menschen unter ihm.
"Erinnerst du dich?", begann er. "Du hast mir ein Versprechen gegeben. Du hast versprochen, dass du wieder aufwachst. Und ich verspreche dir jetzt auch was: Ich werde dich beschützen, egal vor wem oder vor was. Ich werde bei dir bleiben, solange du mich willst und alles von dir fern halten, was dir schaden könnte. Ich zeige dir die ganze Welt, wenn du willst, okay? Genau das... verspreche ich dir..."
Bei den letzten paar Worten senkte sich seine Stimme und wurde leiser, bis sie verstummt war. Und auch sein Kopf senkte sich, immer weiter und weiter und näher an das Gesicht des lieblichen Jünglings unter ihm.
"Ich versprechs...", flüsterte er, kurz bevor er die noch so geringe Distanz zwischen ihnen überbrückte und sanft seine Lippen auf die Soutas legte.
Die Lippen des geliebten Jungen waren so sanft und weich, dass der Arzt ewig so hätte verharren können. Und wie eine Ewigkeit schien es ihm auch, bis er ihre Verbindung wieder brach und sich schon wieder nach der Berührung seines Mundes zu sehnen begann.
"Ich versprechs dir... also wach wieder auf, Souta."

Sein Blick lag weiter auf dem Gesicht des Jungen, als er plötzlich spürte, wie die Hand, die er ja immer noch hielt, sich vorsichtig bewegte. Oder hatte ihm da seine Müdigkeit wieder nur einen Streich gespielt?
"Souta? Souta, hörst du mich?", fragte der Arzt aufgeregt, hielt seine Stimme jedoch leise. "Souta."
Wieder bewegte sich die Hand und schloss sich um die des Arztes. Das war nun wirklich kein Streich seiner Phantasie. Das durfte es einfach nicht sein.
Suchend huschten Hirokis Augen über Soutas Gesicht und endlich tat sich auch hier eine Regung.
Langsam, so unendlich langsam öffnete Souta seine Lider, blinzelte und ließ seinen Blick schließlich auf dem Gesicht des Menschen vor ihm ruhen.

"Ha...hallo...", brachte er mit gebrochener Stimme hervor und Hiroki dachte bei sich, dass die Augen Soutas immer noch genauso hell und voller Leben waren wie zu der Zeit, als sie sich kennen gelernt hatten.
"Hallo... Souta..." Und auch die Stimme des Arztes begann vor Erleichterung zu brechen und schließlich verstummte sie gänzlich. Eine weitere Träne hatte sich über die Wange des Arztes gestohlen und ihr folgten viele weitere und der gerade erwachte Junge war davon so verwundert, dass er langsam sie Hand des Weinenden drückte und fragte: "Was hast du? Geht es dir nicht gut?"

Hiroki erschien diese Situation so absurd, dass er leise lachen musste. Da lag der Patient unter ihm, gerade wieder aus dem Koma aufgewacht und fragte den Arzt, ob es ihm gut ginge.
"Ja, mir gehts gut.", meinte er mit einem leichten Grinsen, während er doch weiter vor lauter Freude weinte. "Mir gehts so gut wie schon lange nicht mehr."
Souta schien von diesen Worten nicht sonderlich überzeugt, denn er sah Hiroki weiter skeptisch an und drückte besorgt mit beiden Händen die des Weinenden.

"Ich... kenne dich. Du... hast mich gerade vor dem Motorrad gerettet. Wo sind wir?", fragte Souta, während er sich im Raum umsah.
"Das ist eine lange Geschichte, Souta. Ruh dich aus, okay?"
Hiroki wischte sich mit seiner freien Hand die Tränen aus dem Gesicht und versuchte sich wieder zu beruhigen. Doch allzu fröhlich war er, dass Souta wieder aufgewacht war. Und irgendwie war er auch traurig, dass er sich nicht an den Kuss erinnern würde, doch es schien ihm trotzdem, als könnte die Welt gerade nicht schöner sein. Der Junge hatte sein Versprechen gehalten, auch wenn er sich nicht erinnern konnte, und nun war es an ihm, auch sein Versprechen einzulösen und Souta vor seiner Mutter zu beschützen.

"Soll... soll ich dir etwas bringen? Hast du Durst?", fragte Hiroki, fürsorglich wie er als Arzt eben war.
Souta überlegte kurz. "Meine... meinte Eltern.", meinte er leise.
Natürlich würde er sie sehen wollen, nachdem die so lange voneinander getrennt waren.
"Aber... die arbeiten bestimmt gerade und haben keine Zeit für mich.", sagt er traurig.
"Nein! Nein...", entgegnete der Arzt schnell. Souta sollte nicht traurig sein, weder jetzt noch sonst irgendwann. "Ich werde sie rufen lassen, okay? Sie komme bestimmt... Jetzt, wo du endlich wieder wach bist."
Hiroki lächelte um den jungen Mann zu beruhigen und schon nach kurzer Zeit schenkte Souta ihm ein warmes, sanftes Lächeln, wie er es noch vor 100 Tagen getan hatte.
"Ich gehe schnell einer Schwester Bescheid sagen, dass sie bei dir zuhause anrufen soll. Ich bin gleich wieder da, okay?"
Mit diesen Worten stand Hiroki auf, ließ nur widerwillig Soutas Hände los und ging zum Schwesternzimmer um zu tun wie er eben gesagt hatte.

Nur eine Minute oder vielleicht auch zwei waren vergangen, als Hiroki wieder zurückkam und noch bevor er Soutas Zimmer erreicht hatte, hörte er jemanden leise wimmern und seinen Namen sagen. In Panik stieß Hiroki die Tür auf und fand einen ängstlichen Souta vor, der sich in seinem Bett zusammengekauert hatte und bei dem Anblick des Arztes in Tränen ausbrach.
"Hi-hiroki-san...", wimmerte er leise und streckte die Hand nach ihm aus. Hiroki ging sofort zum Rand des Bettes und nahm den ängstlichen Jungen in seine Arme.
"Hiroki-san... tut mir Leid. Ich... Als du gegangen bist, hatte ich plötzlich solche Angst, und ich weiß nicht mal vor was. Aber... ich hatte solche Angst...", sagte Souta unter Tränen und Hiroki wusste auch warum.
"Keine Sorge.", meinte Hiroki mit sanfter Stimme. "Ich bin da. Ich pass auf dich auf, ja?" Mit zittrigen Fingern strich er Souta über den Kopf, der sich aufgeregt an ihn klammerte und es schien, als wollte er ihn nicht mehr loslassen.
"Souta-kun... schlaf jetzt, okay? Du bist bestimmt müde, und ich bleibe auch hier, versprochen.", meinte Hiroki mit einem Lächeln. "Und ich werde dich wecken, wenn deine Eltern da sind."
Mit sanfter Gewalt schob er den Jungen von sich und half ihm sich wieder hinzulegen, denn nach über 3 Monaten Schlaf konnte Souta sich nur mit viel Mühe bewegen und bestimmt war er von der Aufregung sehr erschöpft und wollte wieder schlafen.
"Gut... dann gute Nacht.", meinte Souta mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und ohne Hirokis Hand loszulassen.
Dieser ließ sich auf dem Stuhl vor Soutas Bett nieder und stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Bett ab.
"Ja. Gute Nacht, Souta-kun."
"Und... danke,", meinte der Junge, bevor er wieder einschlief.

Wieder betrachtete Hiroki Souta und so erfreut war er über die Ereignisse, die dich gerade zugetragen hatte, dass er seine Augen nicht von Souta nehmen konnte und erfüllt von Glück und Erleichterung schlief auch er schließlich ein.

Und sie träumten einen Traum, der beiden ein Lächeln zu schenken vermochte.

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