Was ging denn bitte hier ab? Was wollten die bloß von mir? Klar war ich in der Umkleide gewesen, aber ich war doch allein. Und wenn die gerade alle im Unterricht waren, wer hatte ihnen dann so eine Story erzählt? Okay, ich hatte auch Tatsumi-sempai geküsst...
“Leute... wer hat euch denn so einen Quatsch erzählt?”, fragte ich nervös. Wer weiß, was diese Klatschtanten alles in der Schule verbreiten würden. Irgendwie musste ich ja mein Image wahren. “Er hat euch gesehen, als du ihn geküsst hast,”, meinte Murata und zeigte dabei auf Tatsumi-kun.
Daher kam also diese fiese Aura. Tatsumi-kun stierte mich an und legte dabei seinen Kopf so siegessicher in den Nacken, dass es bestimmt gleich in seine Nase regnen würde. Wenn es hier drinnen regnen würde. Und er grinste dabei sein bösartigstes Grinsen, das ich bisher nur einmal gesehen hatte, als jemand auf deinen wertvollen rosa Elefantenbleistift getreten war und Tatsumi-kun ihm dafür einen Eimer Eiswasser über den Kopf gekippt hatte. Mitten im Winter während dem Sportunterricht im Stadion. “Und aus der Umkleide hat er dich auch kommen sehen!”, rief einer von den billigen Plätzen. “Und außerdem hast du deine Schuluniform gar nicht mehr an,”, meinte Murata mit skeptischem Blick.
“Aber... ich war auf dem Dach und es hat geregnet... und...” Wieso stammelte ich eigentlich so? Als ob ich Ausreden nötig hätte. “Auf jeden Fall ist nichts passiert, was euch interessieren würde.” “Aber ich habe Stimmen aus der Umkleide gehört!”, kam es wieder von den billigen Plätzen. “Ja, genau, die hab ich auch gehört,”, meinte Murata zustimmend. “Anscheinend ist es ja nicht bei einem Kuss geblieben.” Tatsumi-kuns Worte klangen leicht amüsiert. Dieser Kerl schien ein schweres Problem mit mir zu haben. “Da war nichts! Wir haben nur zusammen gegessen!”, gab ich mit etwas lauterer Stimme von mir. Ein kurzes Raunen ging durch die Klasse. “Nur zusammen gegessen, hä?”, meinte Murata, während er mir mit seinem Ellenbogen in die Rippe stieß.
“... Habbede-bääh!”, stieß ich aus lauter Verzweiflung aus. “Tatsumi-kun erzählt doch Mist!” Und ich hatte genug von diesem. Schlagartig drehte ich mich um und wollte zur Tür hinaus stürmen, als ich volles Karacho in Hasegawa-sensei rannte. “Autschi!”, hörte ich nur, als ich auf meinem Lehrer und dieser auf dem Boden landete. “Nicht schon wieder,”, raunte ich. Jetzt hatte ich schon wieder jemanden umgerannt und lag auf ihm. “Warst du etwa heute schon auf ‘nem anderen Kerl gelegen?”, fragte Murata neugierig. Und ohne groß zu überlegen - was in letzter Zeit eindeutig zu oft der Fall war! - antwortete ich ein entnervtes “Ja!”. Ein gediegenes “ahaaaaaaaa~” ging durch die Klasse und auch mein Lehrer starrte mich entgeistert an.
FATALITY. Wo war nur mein Hirn geblieben heute? "Es feiert ‘ne fette Party mit Leber und Milz!", hörte ich mich denken. Wenn das so weiter ging, schaufelte ich mir noch mein eigenes Grab.
“Ach, denkt doch, was ihr wollt,”, sagte ich, stieg von meinem leichenblassen Lehrer ab und ging den Gang entlang Richtung Ausgang. Heute hatte ich definitiv genug von Schule. Kurz bevor ich die Tür in die Freiheit erreicht hatte, hatte mich mein Lehrer erreicht. Hasegawa-sensei war eigentlich ein sehr netter Lehrer und hörte immer jedem zu, wenn er etwas zu sagen hatte. Er wäre so was wie der Schulseelsorger, wenn wir hier so einen Posten hätten.
“Tanaka-kun! Warte kurz! Wenn es etwas gibt worüber du reden willst...” Er wirkte leicht aufgeregt, oder seine Gesichtsfarbe kam vom Rennen. “Ich wüsste nicht, worüber,”, antwortete ich ihm, als ich mich umdrehte. “Na, über das, was ihr da eben gesagt habt. Die Anderen scheinen ein Problem mit dir zu haben. Und... wenn ich das anmerken darf... Es ist nichts Schlimmes, seine Gefühle zu zeigen. Du solltest offen und ehrlich dazu stehen, was du fühlst.” “Bitte... von was reden Sie überhaupt?” “Na, von deiner...” Er schluckte. “... Homosexualität. Es ist nur natürlich, dass man am Anfang nicht weiß, wie man damit umgehen soll, aber ich kann dir helfen,”, sagte er , während er zu mir rüber kam und eine Hand auf meine Schulter legte.
Mein Gefühl sagte mir im Moment weniger, dass ich schwul war, sondern eher, dass ich hier gerade extremst verarscht wurde.
Dachte jetzt etwa schon die ganze Schule, ich wäre schwul?!
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