Freitag, 18. September 2009

KISS 5: Rat Race

Gott... diese Situation war zu peinlich, um wahr zu sein. Ich stand also mit einem Kerl an der Wand, von dem meine Klasse erwartete, dass ich ihn küsse, in einer Position, die genau das vermuten lassen würde. Ich sah aus, als wollte ich ihn auf der Stelle verführen. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Welcher Vollhorst hatte bitte diese verdammte Tür zugemacht?!
So langsam wurde es wirklich kalt, selbst Tatsumi zitterte schon. Ich war vollkommen durchweicht und ich hatte das Gefühl, dass vor lauter Kälte gleich gewisse Körperteile die Verbindung zu meinem Körper unterbrechen würden. Und zu allem Überfluss hatte ich meine Kopfstellung keinen Millimeter verändert, sodass mein Genick so steif war, wie… wie… Auf jeden Fall tat es verdammt weh, die ganze Zeit nach oben zu starren! Aber was sollte ich denn machen? Wenn ich mich bewegte, würde ich ihm in die Augen stieren, sodass er wirklich glauben würde, ich würde mein “Drohung” von Vorhin auf der Stelle wahr machen.
Aber langsam aber sicher wurde es um die Brust herum etwas wärmer. War ja klar, denn wenigstens war ich dort noch nicht komplett durchgeweicht. Und es wurde dort auch langsam härter…
...
Härter? Ein skeptischer Blick fiel gen Himmel. “Du bist ja ganz kalt,”, meinte Tatsumi plötzlich. “Natürlich,”, entgegnete ich ihm. “Es ist ja auch Oktober und es regnet. Soll ich etwa transpirieren?” Langsam fühlte ich zwei Arme, die sich unter meiner Jacke um meinen Oberkörper schlängelten. WA-?! So konnte ich mich einfach nicht mehr zurückhalten und musste meinen Kopf ruckartig nach unten bewegen. (Verdammt, tat das weh! Q____Q~) Und anscheinend hatte Tatsumi gerade vorgehabt, etwas zu sagen, weshalb auch (ich trau mich kaum, es zu sagen!) unsere Lippen aufeinander trafen. Welchen Gott, zu dem ich noch nicht gebetet hatte, hatte ich nun schon wieder verärgert, dass so etwas ausgerechnet mir passieren musste? Auch Tatsumi musste so geschockt gewesen sein, dass er sich für einen Moment nicht bewegen konnte. Doch dann löste er den (*schluck*) Kuss.
“War das etwa Absicht?”, fragte er mich einem Gesichtsausdruck, der voll von Selbstbewusstsein und vielleicht auch Selbstüberschätzung war. Und mit einem Mal sah er 10 Jahre älter aus. Auch seine Stimme klang irgendwie… männlicher. Ein komisches Gefühl beschlich mich. “Wieso sollte das Absicht gewesen sein?” Ich stieß mich mit den Händen von der Tür ab, doch ich wurde von seinen Armen festgehalten. “Wer weiß, vielleicht stehst du ja auf mich, und willst diesen Auftrag nur als Grund vorschieben, mich in aller Öffentlichkeit küssen zu können.” “Wa-! Aber das... das ist doch...” Und schon wieder war ich so geschockt, als ob ich einer 2m-Schildkröte auf einem Baum begegnet wäre. “Aber eins sage ich dir: ‘Ich’ mag es nicht sonderlich, geküsst zu werden, also lass es in Zukunft besser bleiben.” Er bedachte mich mit einem abschätzigen Blick. Was zur Hölle war das denn? Oder besser: WER zur Hölle war das? Von dem unschuldigen, schüchternen Tatsumi schien recht wenig übrig geblieben zu sein. Ich sah ihn mit Augen an, die ein Universum voll fehlender Intelligenz und unvorhandenem Wissen enthielten. Was bitte...?
Doch ich wurde in meinem schleichenden Denkprozess unerbrochen, als hinter uns plötzlich die Tür aufkrachte. Anscheinend war das Gewicht von zwei Schülern zu viel für dieses alte Stück Wandlochverschluss gewesen. So landeten wir ziemlich unsanft aufeinander auf der letzten Stufe der Treppe, und als ob das schon nicht schlimm genug gewesen wäre, hatte ich heute schon zum zweiten Mal (Unfreiwillig!) meine Lippen auf seine gepresst. Ich glaube, durch die vielen Schocks in den letzten Tagen schien sich mein Körper langsam an diesen Schock zu gewöhnen, sodass ich diesmal etwas schneller als sonst zu meiner alten Fassung zurückfand und so ziemlich zügig von den etwas geplätteten Tatsumi herunterkletterte.
Dieser schien wieder ganz der Alte zu sein, denn schon während ich mich aufrappelte, ging es wieder mit ihm durch: “Oh mein Gott! Hast du dir was getan? Tut dir irgendwas weh?” Ich behielt meine (zugegeben etwas unfreundliche) Antwort für mich und sah ihn stattdessen ziemlich skeptisch an. Und bevor ich den Mund aufmachen und etwas sagen konnte, sah ich, dass noch jemand anderes hier war.
Oh. Mein. Gott. Wir waren entdeckt! Jetzt musste ich allen erzählen, dass ich ihn geküsst hatte... Bei dem Gedanken fiel mir auf, dass ich noch gar nicht darüber nachgedacht hatte, ob diese beiden Küsse eben gut waren oder nicht. Genau genommen konnte man das gar nicht sagen, denn es war eben nur das Aufeinanderpressen von Lippen, was mir da widerfahren war und sonst nichts. Ach, egal, irgendwas musste ich ihnen ja sagen, also würde ich ihnen einfach das sagen, was sie hören wollten.
Und da fiel mir auch schon auf, wer da überhaupt stand. Tatsumi. Also, nein, nicht DER Tatsumi, sondern der andere. Der mit dem rosa Elefantenbleistift, den er anscheinend mehr liebte als sein Leben.
Und auch der schien ziemlich geschockt zu sein, mich zu sehen.
“Cousin... Kaoru...?”

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